Info:  Kleine Fibel über Druckgraphik

Was ist Druckgraphik ?
Holzschnitt, Radierung und Steindruck (Lithographie) sind Beispiele für heraus-ragende Verfahren des manuellen Bilddrucks, die auch in unserem Jahrhundert von bedeutendsten Künstlern als Medium bildnerischen Ausdrucks verwendet wurden.
Gedruckt wird dabei von Platten aus Holz, Metall (Kupfer) und Stein, bearbeitet mit Schneidemesser oder Radiernadel, mit Fettkreiden, fetthaltigen Tuschen und ätzenden Chemikalien, auf Papier, mit Hilfe einer Handdruckpresse (Kupferdruckpresse und Lithopresse).
Was dabei entsteht, ist Druckgraphik. Es ist nicht nur ein einziger Abzug, der die Druckpresse verläßt, sondern fast immer sind es zahlreiche Blätter vom selben kunstlerischen Entwurf. Ihre Anzahl wird durch die Höhe der Auflage begrenzt.

Gedrucktes als Originales
Druckgraphische Blätter sind daher keine Unikate wie zum Beispiel Gemälde, sondern vervielfältigte Bildwerke, allerdings solche mit dem Charakter von Originalen, wenn sie bestimmten Qualitätsanforderungen genügen. Dazu gehört vor allem, daß sie der Künstler nicht nur entworfen, sondern auch eigenhändig gedruckt hat, den Druck-prozeß zumindest überwacht.
Druckgraphik darf daher prinzipiell auch nicht mit Reproduktionen aller Art ver-wechselt werden. Viele bedeutende Künstler aus Vergangenheit und Gegenwart schufen druckgraphische Meisterwerke, Blätter von hohem künstlerischem Rang.
Sie nutzten dabei die spezifischen Möglichkeiten, sich mit den Mitteln des manuellen Bilddrucks schöpferisch auszudrücken.
Von Holzschnitt, Radierung und Lithographie war bereits die Rede. Darüber hinaus gibt es zahlreiche andere druckgraphische Verfahren, die seit dem 15. Jahrhundert erfunden und weiterentwickelt wurden und die bis heute von Künstlern praktiziert werden.

Druckgraphik sammeln
Eine Druckgraphik als Original kostet in der Regel weit weniger als ein Unikat vom gleichen Rang oder von vergleichbarer Qualität. Daher ist es auch für Menschen mit kleinerem Geldbeutel möglich, Druckgraphik zu kaufen. Druckgraphik sammeln, sich damit umgeben und intensiv beschäftigen —, welch befriedigendes und beglückendes Erlebnis für den im Alltag gehetzten Menschen von heute!

Mit gerahmter Druckgraphik leben
Druckgraphik galt einst als ,"Kunst der Mappe". Heute hingegen ist sie nicht mehr hauptsächlich für die Mappe bestimmt, sondern findet zunehmend einen Platz an der Wand, neben dem Gemälde.
Druckgraphische Blätter, mit Bedacht und nach Gefallen ausgewählt, passend ge-rahmt und an Wänden geschickt präsentiert, ermöglichen uns den dauernden Blick-kontakt mit Bildern, die uns etwas bedeuten, und schaffen in Wohn- und Arbeits-räumen eine faszinierende und beruhigende Atmosphäre, in denen sich Menschen wohlfühlen, Freude und neue Kraft schöpfen.

Kleines ABC der wichtigsten Fachbegriffe

Aquatinta
Verfahren des manuellen Tiefdrucks und dessen Ergebnis als druckgraphisches Blatt. Die Druckform für das klassische Aquatinta-Verfahren wird präpariert durch Auf-stäuben und Anschmelzen eines Ätzgrundes als gekörnte Substanz auf die Druck-platte.

Ätzradierung
Verfahren des manuellen Tiefdrucks und dessen Ergebnis als druckgraphisches Blatt. Die druckfähige Tiefdruckplatte entsteht — anders als bei der Kaltnadelradierung — durch Ätzung, d.h. durch Einwirkung chemischer Substanzen (meist Säuren).

Auflagenhöhe
Um unbegrenzte Vervielfältigung moderner Druckgraphik zu vermeiden, beschränkt man die Auflage und numeriert die Abzüge. Nummer und Auflagenhöhe sind auf jedem Blatt angegeben und weisen es, zusammen mit der schriftlichen Signatur des Künstlers, als einen vom Künstler autorisierten Abzug aus. Bei der Numerierung bedeutet die Zahl vor dem Schrägstrich die laufende Nummer des Blattes (in der Reihenfolge des Abdrucks von der Druckform), die Zahl dahinter bezeichnet die Gesamtauflage. Die Numerierung 5/250 besagt demnach, daß es sich um das 5. Blatt innerhalb einer Auflage von insgesamt 250 Exemplaren handelt. Drucktormen für Kupferstiche und Radierungen nutzen sich beim Drucken verhältnismäßig rasch ab. Mit zunehmender Abnutzung verringert sich die Druckqualität. Daher bevorzugen Sammler Blätter, bei deren Numerierung vor und hinter dem Schrägstrich möglichst niedrige Zahlen stehen.

Dekorative Graphik
Unter diesem Begriff, vom Kunsthandel geprägt und nicht streng definiert, fallen Blätter, die nicht die Eigenschaften reiner Künstlergraphik haben und die nach der Thematik des Dargestellten verschiedenen Sammelgebieten zugeordnet werden:
Zoologie, Botanik, Jagdmotive, Landkarten, Militaria, Mode und zahlreiche andere.

Durchdruck
Verfahren des manuellen Bilddrucks. Die Farbe wird dabei durch eine Druckform hindurch auf den Druckträger (Papier) übertragen. Als Druckform dient ein als Schablone präpariertes, feinmaschiges Gewebe (Sieb).

Fälschungen
Nachahmungen von Kunstwerken und Veränderungen daran, vorgenommen in der Absicht, das Gefälschte als Echtes vorzutäuschen, sind Fälschungen. Klassische Beispiele dafür sind Nachahmungen in originalen Drucktechniken (Beispiel: nachge-stochene Kupferstiche). Fälschung im Sinne von Täuschung liegt auch vor, wenn druckgraphische Reproduktionen (zum Beispiel in Form von Offsetdrucken) als Originalblätter ausgegeben werden. Das Identifizieren gelungener Fälschungen erfordert das Wissen des Spezialisten, der über reiche Erfahrung im Umgang mit Druckgraphik verfügt. Manchmal sind Fälschungen nur an der Art des verwendeten Papiers (zum Beispiel am Wasserzeichen) zu erkennen. Meistens sind es hochpreisige Blätter herausragender Künstler, die gefälscht werden (Beispiel: Blätter von Dali, Miró, Chagall).

Flachdruck
Bei diesem Druckverfahren liegen druckende und nichtdruckende Partien der Druck-form auf einer Ebene, anders als beim Hoch- und Tiefdruck. Wichtigstes Verfahren des manuellen Flachdrucks ist die Lithographie (Steindruck).

Hochdruck
Die erhabenen Partien der Druckform, eingefärbt mit Tampon oder Walze, drucken, während die vertieften Partien auf dem Druckträger (Papier) weiße Flächen und Linien hinterlassen. Wichtigste Techniken des manuellen Hochdrucks: Holzschnitt und Linolschnitt.

Holzschnitt (und Holzstich)
Technik des manuellen Hochdrucks und dessen Ergebnis als druckgraphisches Blatt. Als Druckform wird dabei eine mit dem Messer in Holz bearbeitete Hochdruckplatte verwendet. Zur Herstellung der Druckform dient eine Holzplatte, die entweder mit längslaufender Faser (als Längsholz) oder quer zu ihr (als Hirnholz) aus einem Stamm geschnitten ist. Das Längsholz wird mit dem Messer geschnitten, das Querholz mit dem Stichel bearbeitet. Auf die geglättete Platte wird das Bild seitenverkehrt aufgezeichnet. Der Holzschneider, oft der Künstler selbst, schneidet oder stichelt die Stellen aus, die nicht drucken sollen. Die Linien der Zeichnung bleiben also erhaben stehen. Voraussetzung ist die schnittgerechte Anlage des Bildes durch den Zeichner. Die bearbeitete Platte wird mit Druckerschwärze versehen und auf leicht angefeuchtetes Papier abgezogen. Der Holzschnitt ist die älteste Technik des manuellen Bilddrucks. Eine Abart des Holzschnitts ist der Farbholzschnitt. Man braucht dazu mehrere aufeinander passende Platten. Jede ist verschieden eingefärbt und zeigt lediglich diejenigen Teile des Bildes, die in der betreffenden Farbe erscheinen sollen. Die Platten werden dann nacheinander auf dasselbe Blatt gedruckt.

Kaltnadelradierung
Verfahren des manuellen Tiefdrucks und dessen Produkt als druckgraphisches Blatt. Die Druckform (Tiefdruckplatte) wird hergestellt — anders als bei der Ätzradierung — durch Einritzen der Linien, aus denen die Zeichnung besteht, in das Metall der Druck-platte mit einer Radiernadel.

Kupferstich
Verfahren des manuellen Tiefdrucks und dessen Produkt als druckgraphisches Blatt. Für die Herstellung der Druckform wird eine Kupferplatte verwendet. Sie wird von Hand mit dem Grabstichel bearbeitet. Gedruckt wird mit der Kupferdruckpresse. Sie besteht aus einem Gerüst mit zwei übereinanderliegenden Walzen, zwischen denen der Preßtisch unter hohem Druck durchgedreht wird. Auf dem Preßtisch liegen Druckträger (Papier), Kupferplatte und Druckfilz übereinander.

Linolschnitt
Verfahren des manuellen Hochdrucks, 1860 entwickelt und heute weit verbreitet, und dessen Ergebnis als druckgraphisches Blatt. Die Druckform entsteht als Hochdruck-platte durch Schneiden mit Messern, Nadeln und Hohleisen in Linoleum. Auch Picasso und Matisse drückten sich mit der Technik des Holzschnitts aus und schufen dabei Blätter von faszinierendem Ausdruck.

Lithographie (Steinzeichnung)
Verfahren des manuellen Flachdrucks und dessen Produkt als graphisches Blatt. Zur Herstellung der Druckform wird eine präparierte Platte aus Kalkschieferstein benutzt. Der Entwurf des Bildes wird auf die saubere, ebene und geglättete Plattenoberfläche seitenverkehrt übertragen, mit fetthaltigen Kreiden und Tuschen. Das weitere Ver-fahren basiert auf der Tatsache, daß sich Fett und Wasser gegenseitig abstoßen. Die nicht druckenden Partien der Kalksteinplatte werden geätzt (mit einer Mischung von Gummiarbikumlösung und verdünnter Schwefelsäure). Die so präparierten Partien nehmen Wasser an und stoßen beim Einfärben die fette Farbe ab. Umgekehrt nehmen die mit Fettkreide und fetthaltiger Tusche gezeichneten Bildteile Farbe an, während sie Wasser abstoßen. Die Lithographie, um das Jahr 1800 erfunden, wurde von bedeutendsten Künstlern als Medium künstlerischen Ausdrucks benutzt. Zu ihnen gehören Goya, Daumier, Toulouse-Lautrec, Munch, Cézanne, Kirchner, Nolde, Picasso, um nur einige große Namen zu nennen.

Mezzotinto
Verfahren des manuellen Tiefdrucks und dessen Produkt als druckgraphisches Blatt. Das Wort "Mezzotinto" leitet sich vom Italienischen ab ("mezzo = halb", "tinta" — Farbe). Für die Herstellung der Druckform wird eine Kupferplatte verwendet. Diese wird zunächst sorgfältig und gleichmäßig aufgerauht (mit dem Wiegemesser) und danach mit anderen Werkzeugen (vor allem mit Schaber und Polierstahl) weiter-bearbeitet. Es handelt sich um eine Flächentechnik, bei der man vom Dunkeln ins Helle arbeitet und dabei Halbtöne und fein gestufte Übergänge von malerischer Wirkung erzielen kann.

Originalgraphik
Es ist zu unterscheiden zwischen Reproduktionsgraphik einerseits und Originalgraphik (Sammlergraphik) andererseits. Unter Reproduktionsgraphik versteht man druck-graphische Umsetzungen bereits existierender Bilder, meist lediglich zum Zwecke der Vervielfältigung. Originalgraphik hingegen entsteht eigenständig, unabhängig von Vorlagen und in der Absicht, das Metier der Druckgraphik für den künstlerischen Ausdruck zu nutzen. Originalgraphik in diesem Sinne finden wir schon sehr früh, zum Beispiel bei Rembrandt. Der Begriff „Originalgraphik“ ist nicht identisch mit Original oder „Originalblatt“.

Prägedruck
Reliefs, wie man sie häufig auf Künstlergraphiken findet, sind das Ergebnis von Prägedruck. Dabei werden Hochdruckformen unter starkem Druck auf das Papier gepreßt, mit oder ohne Farbe.

Prägerand
Der starke Druck, mit dem Radier- und Kupferstichplatten abgezogen werden, be-wirkt im Papier eine Prägung. Der Prägerand ist ein typisches Kennzeichen der manuellen Tiefdrucktechniken.

Qualitätsmerkmale
Als wichtigste Merkmale der Qualität einer Druckgraphik gelten: Rang und Bedeutung des Künstlers, Häufigkeit / Seltenheit des Vorkommens, der Druckzustand eines Blattes, Erhaltungszustand, das dargestellte Sujet, die kunstgeschichtliche Bedeutung, Herkunft des Blattes (beispielsweise aus dem Besitz eines renommierten Sammlers).

Reproduktion
Ein druckgraphisches Blatt gilt dann als Reproduktion, wenn das Werk des Künstlers (das Original) photomechanisch auf die Druckform übertragen wird, von fremder Hand und ohne Zutun des Künstlers. Reproduktionen werden meist maschinell gedruckt. Die eventuelle Signatur des Künstlers unter einer solchen Reproduktion wertet diese nicht etwa zum Original auf. Sie gilt lediglich seinem Einverständnis mit der Herstellung des Drucks.

Reproduktionsgraphik
Von Reproduktionsgraphik spricht man dann, wenn ein bereits existierendes Bild eigener Gattung (z. B. Gemälde, Zeichnungen) in Druckgraphik umgesetzt wird, also mit Hilfe des manuellen Bilddrucks vervielfältigt.
Reproduktionsgraphik ist nicht zu verwechseln mit Reproduktionen im üblichen Sinne, die zum Beispiel mit Hilfe des Offsetdrucks hergestellt werden.

Siebdruck
Heute wichtigstes Verfahren des Durchdrucks. Dabei wird ein als Schablone präpariertes, feinmaschiges Gewebe (wie ein Sieb) verwendet, durch das die Farbe hindurchgepreßt und auf den Druckträger (Papier) übertragen wird.

Signatur
Zeichen oder Unterschrift des Künstlers auf seinem Werk. Gegenüber dem früher üblichen Signieren der Platte werden heute vor allem die einzelnen Abzüge mit einer handschriftlichen Signatur versehen.

Stahlstich
Verfahren des manuellen Tiefdrucks und dessen Produkt als druckgraphisches Blatt. Durch Herstellung der Druckform wird eine Stahlplatte verwendet, in gleicher Weise bearbeitet wie eine Kupferplatte für den Kupferstich. Gedruckt wird auf der Kupfer-druckpresse. Das Verfahren, erfunden 1817, erlaubte wegen der Härte des Stahls das Drucken sehr hoher Auflagen.

Tiefdruck
Bei diesem drucktechnischen Verfahren liegen die druckenden Partien als Vertiefung in der Druckplatte. Wichtige Arten des manuellen Tiefdrucks: Radierung (Kaltnadel-radierung und Ätzradierung), Kupferstich, Stahlstich, Mezzotinto, Aquatinta.

Unikat
Hergeleitet von dem lateinischen Wort „unicus“ (= „einzig“), bezeichnet Unikat ein Objekt, das es nur ein einziges Mal gibt. Auf Druckgraphik bezogen, gilt als Unikat ein Blatt, das entweder nur in einem einzigen Exemplar hergestellt wurde (von dem es also keine Kopien gibt) oder von dem nur noch ein einziges Blatt erhalten ist. „Unikat“ ist nicht zu verwechseln mit „Original“. Das Gegenteil des Originals ist die Reproduktion, das Gegenstück des Unikats das Multiple.


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